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26.11 2022


Herbert

Weber

Umgehen von

Tatsachen

26.11 2022 14:00

Performative Lesung: Wir sind die anderen

Zur Finissage der Ausstellung Umgehen von Tatsachen lädt Herbert Weber zu einem choreografierten Happening ein. Der Betonkubus wird vom Publikum umgangen, es wird mit ihm umgegangen, er wird besprochen, es wird fotografiert und getrunken. Herbert Weber führt Regie und reagiert auf Tatsachen, die daraufhin wieder umgangen werden können.

Mit Herbert Weber und allen Anwesenden
Dauer: ca. 30 Minuten, deutsch und französisch

In der Installation Umgehen von Tatsachen nutzt Herbert Weber Lemme zur Bilderzeugung und transformiert die Skulptur in eine durchlässige, durchsichtige Hülle. Auch die in den Raum gesetzten Bild-Skulpturen werden zuweilen nahezu unsichtbar. Dies erreicht er mit seinem vielfach erprobten Prinzip, das eine optische Täuschung bei den Betrachtenden auslöst. Gleichzeitig schlüsselt er die Machart der Illusion auf.

Herbert Weber (*1975 Frauenfeld, lebt und arbeitet in St. Gallen) arbeitet vorwiegend im Medium der Fotografie. Er arbeitet oft ortsspezifisch und inszeniert die vorgefundenen Räume. Mit Überlagerungen und Schichtungen, der Verdoppelung und Verdreifachung von Bildern im Bild schafft er Situationen der Verwirrung, die dazu anregen, genauer hinzuschauen. Die Selbstinszenierung als Fotograf spielt eine wichtige Rolle in seinem Werk. Mit viel Humor befragt er die Rolle des Künstlers und den Kontext des Ausstellens.

Mit Unterstützung von

Nächste Ausstellungen
10.12 2022 14:00

Vernissage: Thomas Julier

Herbert Weber: Umgehen von Tatsachen

Josiane Imhasly

Herbert Webers Werke zu betrachten, macht Spass – weil er selbst ganz offensichtlich Spass bei deren Entstehung hat. Gleichzeitig stimmen seine Arbeiten nachdenklich, da sie uns in unserem unzulänglichen Menschsein berühren. Er scheint ein sehr unverkrampftes Verhältnis zu seiner Arbeit zu haben, die auch kaum von seinem privaten Leben zu trennen ist. Wer lechienmalade – so sein Accountname – auf Instagram folgt, taucht ein in Herbert Webers Welt: Selfies, Akte mit Hygienemaske in verschiedenen Yogaposen, Bilder seiner Fotoskulpturen und Videoarbeiten, Schnappschüsse von Rennvelo- und Snowboardtouren sowie Statements zu politischen und gesellschaftlichen Anliegen. Man könnte verführt sein, das alles abzutun, so weit so gewöhnlich, in einer von Selbstinszenierung und Polit-Statements geprägten Social-Media-Welt. Aber Webers Bilder und (manchmal) dazugehörige Texte haben einen eigenen Dreh, weswegen man an ihnen hängen bleibt und erkennt, dass der Künstler die Mechanismen der Aufmerksamkeit für seine Zwecke zu unterwandern weiss. Voller Selbstironie frönt er etwa dem Körperkult, wenn er seinen Hintern auf einen Teller druckt und verkauft (die Serie After Teller ist eine Hommage an den Fotografen Jürgen Teller). Er spielt mit Attributen von Männlichkeit, lotet diese aus, ja erweitert sie. Selbstverständlich kommt auch die ironische Reflexion des Künstlerdaseins nicht zu knapp. 

Mindestens genauso zentral wie der (sein) Körper sind in Webers Werk Räume, Bilder, Orte und Zeitgenossenschaft. Er sagt: «Ich arbeite gerne vor und für den Ort». So hat er es auch beim Projekt für Lemme gehalten. Er kam mit seiner Kamera, seinem Drucker und Holz nach Sitten, um während einiger Tage vor Ort zu fotografieren, Rahmen zu bauen und sein erprobtes Prinzip der Bildererzeugung anzuwenden. «Am besten gebraucht man die Fotografie dazu, andere Bilder zu fotografieren», so zitiert Weber den britischen Künstler David Hockney und so lebt er es in seiner künstlerischen Praxis. Er fotografierte also Lemme, druckte die Bilder, setzte sie in skulpturale, von ihm gefertigte Holzrahmen, fotografierte diese Fotoobjekte erneut, um sie wieder zu drucken und zu rahmen. Was in der Ausstellung Umgehen von Tatsachen zu sehen ist, ist im Prinzip der Status eines Prozesses, der unendlich wiederholt werden könnte.

Dabei spielt Weber einerseits mit dem Verschwinden der Fotoskulpturen und andererseits jenem des Ausstellungsraums. Die im Eckfenster platzierte Fotoskulptur wird je nach Standort der Betrachtenden und Lichtverhältnissen durchsichtig. Gleichzeitig stellt sie sich durch dieses Vexierspiel in den Vordergrund. Sie ist da und nicht da. Das Diptychon auf der anderen Seite der Betonskulptur hingegen bringt Wände zum Verschwinden. Das eine Bild steht etwas von der Wand ab und ragt schräg nach vorne in den Raum, wie ein halboffen stehendes Fenster. Beide Bilder werden zu Fenstern, durch welche man von hinten auf die Skulptur im Eckraum schaut, durch die Betonwand hindurch. So wird die schwere Betonskulptur durchlässig, die Wände zu permeablen Hüllen. Während dem Arbeitsprozess fotografierte Weber auch immer wieder sich selbst. In den Bildern ist hin und wieder das Kabel des Selbstauslösers zu sehen, um die Selbstbetrachtung offensichtlich zu machen. Durch die vielen kleinen Fenster von Lemme sind solche work in progress-Bilder zu sehen, welche ebenfalls die Funktion von Fenstern einnehmen. Sie haben dokumentarischen Charakter: Sie entschlüsseln den Entstehungsprozess und dokumentieren den performativen Akt des Fotografierens, in diesem Fall als selbstreflexives, forschendes und experimentelles Spiel des Fotografen im Austausch mit der Skulptur.

Der Titel der Installation Umgehen von Tatsachen verweist auf die Illusionen, welche Weber schafft. Bilder als Fenster in eine andere Welt und die Welt der Illusionen sind althergebrachte Geschäfte der Kunst. Doch Weber ist nicht auf der Suche nach einer Illusion, in der man sich ausruhen könnte, sondern viel mehr nach Wahrheit – gerade in Zeiten von alternativen Fakten. Seine Kamera ist sein persönliches Mittel, diese Wahrheit zu ergründen und Störungen herzustellen. Der Titel Umgehen von Tatsachen ist passenderweise gleichzeitig poetisch und etwas trocken, ein Widerspruch, den man in Webers Arbeit insgesamt spürt. Weber fordert uns dazu auf, unseren Standpunkt zu hinterfragen, vermeintliche Tatsachen nicht als gegeben hinzunehmen, ja sie zu umgehen, mit Ideenreichtum, Lust und einer gewissen Systematik. Dies hallt wider in der sich durch Webers Bilder veränderten Skulptur Lemme.