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11.03 2023


Thomas

Julier

Dawn Chorus

Protocol

Thomas Julier, Chameleon Eyes, seit 2020

Die Installation Dawn Chorus Protocol von Thomas Julier deutet Lemme als Sound- und Lichtraum und thematisiert damit das Innere der Skulptur sowie ihre unmittelbare Umgebung. Mit dem Projekt macht der Künstler sich auf Spurensuche seiner ästhetischen Sozialisierung, die an Goa Raves und Technoparties in den Wäldern des Oberwallis Ende der 1990er-Jahre ihren Anfang nahm und von verschiedenen Subkulturen geprägt wurde. Computerspiele, MTV, Raves und Science Fiction waren gleichermassen stilbildend für den Künstler.

Thomas Julier setzt verschiedene Klang- und Lichtelemente in den Betonkubus: Transducer transformieren die Fensterscheiben zu Schall leitenden Flächen und lassen die Architektur zu einem Klangkörper werden. Von Lemme geht ein dumpfer, nur aus der Nähe hörbarer Rhythmus aus, der von Synthesizern produziert wird und sich während der Ausstellungsdauer wiederholt. Computergenerierte Videoanimationen schaffen einen atmosphärischen Lichtraum. Sie lehnen sich an visuelle Ideen von Musikvideos und Plattencovers der 1990er-Jahre und an die grafische Aufmachung früher Internetkultur an.

Thomas Julier, geboren 1983 in Brig, lebt und arbeitet in Zürich. Er studierte Fotografie und Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste, wo er von 2016–2021 auch Gastdozent war. Thomas Julier stellt regelmässig in der Schweiz und im Ausland aus, aktuell bei openspace, Nancy und The Lighthouse, Zürich. Er setzt auch kuratorische Projekte um, beispielsweise eine Serie von Film-Screenings im gemeinsamen Atelier mit Thomas Sauter. 2022 erhielt er ein ArtPro Stipendium des Kanton Wallis.

Website des Projekts: https://thomasjulier.info/de/dawn-chorus-protocol

English text: https://thomasjulier.info/en/dawn-chorus-protocol

Unterstützt von

Video: Jean Richard
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Dawn Chorus Protocol

Thomas Julier

Die Fensterscheiben des Raums vibrieren und transportieren so während der ganzen Ausstellungsdauer einen von Synthesizern produzierten Ton, der Lemme zu einer Klangskulptur werden lässt. Zu hören sind polyphonische Klänge und vertrackte Rhythmen, die den Soundtrack zu unabhängigen Videoarbeiten bilden, welche Thomas Julier zueinander in Beziehung setzt. Die beiden Videos, Chameleon Eyes und Puzzle of a Maze, sind Kerne eigenständiger Werkkomplexe des Künstlers, die sich mit Fragen von Raum und Zeit beschäftigen. In der Ausstellung Dawn Chorus Protocol (Morgengesang Protokoll) entfaltet sich die eigentümliche gleichzeitige Präsenz der beiden Werke im Zusammenspiel mit dem Live-Soundtrack. Julier schafft einen Erfahrungsraum, in dem sich die Beziehungen zwischen den Videos und dem Ton stetig verschieben und neu konfigurieren. Das Wesen der ästhetischen Erfahrungen, zu denen Dawn Chorus Protocol einlädt, lässt sich in den Registern unserer Sinne und unseres Intellekts nicht widerspruchsfrei einordnen.

Thomas Julier interessiert sich für die Ästhetik computer- und maschinengenerierter Erfahrungen und ihre Rolle in unserer Vorstellung von Natur. Naturvorstellungen sind geprägt von gesellschaftlichen Diskursen und von Werkzeugen und Technologien, mit denen der Mensch sich der Natur zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Umfeld annähert. So sehen wir durch technologisch gestützte Forschung natürliche Phänomene zunehmend als komplexe Beziehungssysteme, die in ihren Abhängigkeiten erörtert werden, anstatt sie isoliert zu betrachten. In seiner künstlerischen Praxis setzt sich Thomas Julier mit Phänomenen der kulturellen und technischen Konstruktion von Naturvorstellungen auseinander. 

In den 1990er-Jahren, die der Künstler als Teenager in Brig verbrachte, wurde er sozialisiert mit MTV, Computerspielen, Science Fiction, Napster, Raves und Techno. Ein Interesse für medienspezifische Fragestellungen und ein spielerischer und experimenteller Umgang mit Komplexität begleiten seine Arbeit seit jeher. Während des Kunststudiums wurde dieses Interesse durch kunst- und kulturwissenschaftliche Aspekte ergänzt. Seit einiger Zeit realisiert Thomas Julier vermehrt Projekte in Zusammenarbeit mit Natur- und Geisteswissenschafter:innen. Mit Dawn Chorus Protocol verbindet er Spuren seiner ästhetischen Sozialisierung im Wallis mit seinem gegenwärtigen, interdisziplinären Schaffen. Er lädt uns ein, in der Begegnung mit dem Kunstwerk eigene Erfahrungen zu sammeln, und einzutauchen in ein Geflecht unerwarteter Beziehungen und Referenzsysteme.

Chameleon Eyes ist ein ortsspezifisches, öffentliches Kunstwerk im Heiligfeld-Park und dem umliegenden Wohngebiet in Zürich-West. Der Fokus von Chameleon Eyes liegt auf der Bewegung von Vögeln: Der Flug lokaler Standvögel und migrierender Zugvögel wird in Echtzeit verfolgt und auf ein doppelseitiges LED-Display im Park übertragen. Gespiesen wird die Anzeigetafel durch Bilddaten von zwei Wärmebildkameras, die auf dem Dach der Wohnbauten der Siedlung montiert sind. Den Augen eines Chamäleons ähnlich, können sich die beiden hitzeempfindlichen Kameras unabhängig voneinander um 360 Grad drehen und ihre Beute am Himmel auch in beachtlicher Ferne erfassen. Choreographiert durch Algorithmen, Protokolle und Variablen fängt Chameleon Eyes das bunte Treiben der Vögel im lokalen Habitat ein und führt es Betrachtenden als abstraktes Farbspektrum bewegter Wärmebilder vor Augen. Neben der Direktübertragung auf das Park-Display sind gespeicherte Videosequenzen über eine Website abrufbar. Sie stellen ein Archiv der Vogelflüge dar, welche von Chameleon Eyes bis heute registriert wurden und sind auf einem der beiden Screens in Lemme zu sehen. 

Mit Puzzle of a Maze lädt Thomas Julier zur Erkundung eines Objekts ein, das die Zeit strukturiert und misst, wie eine Uhr. Auf einem Screen ist die Videoanimation einer Kugel mit einer strukturierten Oberfläche zu sehen. Sie dreht sich im Raum um die eigene Achse. Langsam zersplittert die Kugel. Die Bruchstücke entfernen sich schwebend aus dem Zentrum, weiter um die Achse der Kugel rotierend, um sich allmählich wieder als Ganzes zu formieren. Puzzle of a Maze schafft ein Wechselspiel zwischen virtuellen und physischen Darstellungen der Kugel. Von einer Auswahl der Bruchstücke wurden 3D-Drucke aus Edelstahl angefertigt, zudem wurden sie von einer Maschine mit einem Stift aus verschiedenen Perspektiven gezeichnet. Diese physischen Werke entsprechen Dateien, die auf dem InterPlanetary File System gespeichert sind und auf die mit einer App zugegriffen werden kann. Die App dient einerseits der Erkundung des Kunstwerks, andererseits können Besitzer:innen von Tokens diese hier einsehen und über zukünftige Entwicklungen des Werks in virtuellen und physischen Räumen abstimmen. Ein Referenzpunkt auf der Ethereum-Blockchain synchronisiert alle Wiedergaben des Videos. Egal ob man es in der App oder in der Ausstellung schaut, man beobachtet genau denselben Moment im kontinuierlichen Prozess.