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22.06 2022

COUPLE

Adam Cruces & Louisa Gagliardi

Fool’s Gold


22.06 2022 17:30

Finissage mit Glacé, in Anwesenheit von Louisa Gagliardi & Adam Cruces

Von weitem sieht man verschiedene ockergelbe Objekte, Wandarbeiten und Figuren. Sie sind allesamt mit Cordstoff überzogen und scheinen derselben alternativen Realität entsprungen, eingefroren in einer anderen Zeit. Beim Nähertreten entpuppen sich die Figuren als zwei Skelette, die den Ausstellungsraum bewohnen. Die Setzung Fool’s Gold (Narrengold/Katzengold) von COUPLE spielt mit der Anrufung gegenwärtiger, alltäglicher Situationen und Gegenstände ebenso wie mit Erinnerungen an unterschiedlichste Ausstellungskonventionen.

Seit 2016 arbeiten Adam Cruces (*1985 Houston) und Louisa Gagliardi (*1989 Sion) neben ihren jeweils eigenen künstlerischen Praxen unter dem Namen COUPLE zusammen. Diese Kollaboration eröffnet beiden Kunstschaffenden Raum für Experimente. Dabei entsteht ein neues Ganzes, wenn sich der ortsspezifische und multimediale Ansatz, den Cruces pflegt, mit Gagliardis figurativer Malerei vermischt. Die Reflexion unserer alltäglichen Umgebung sowie ihre Transformation spielen dabei eine besondere Rolle.

Die Installation wurde mit Unterstützung von SIGG LABS realisiert.

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Josiane Imhasly

Katzengold und Ockergelb
Der von COUPLE (Adam Cruces & Louisa Gagliardi) gewählte Titel Fool’s Gold löste bei mir lebhafte Erinnerungen an glückliche Kindheitsstunden in der Mineraliengrube Lengenbach im Binntal aus. In dieser Grube war ich umgeben von eben diesem Fool’s Gold, zu deutsch Katzengold und wähnte mich dank den massenhaften Vorkommen des Gesteins Pyrit in einem Traum aus Gold. Eine frühe Erfahrung der Verführungskraft von Imagination und Täuschung und der Immersion in eine andere Realität.

Hier, in der Ausstellung von COUPLE in Lemme, bezieht sich Fool’s Gold auf die ockergelbe Farbe des Cords, aus dem alle Exponate gefertigt sind: zwei Skelette, verschiedene Alltagsobjekte, ein Kissen und zwei Wandarbeiten. Während Katzengold – Pyrit – als Pigment einen grauen Farbton aufweist, der im Sonnenlicht an Gold erinnert und ein unbeständiges Mineral ist (es zersetzt sich in sauerstoffreicher und feuchter Atmosphäre), sind Ockerpigmente langlebig und flexibel einsetzbar. Ocker wurde schon vor über 70’000 Jahren als Kosmetik, für rituelle Zwecke und in der Kunst eingesetzt. Auf den Böden einiger Höhlen wurden erstaunlich dicke Schichten des Pigments nachgewiesen, weil Menschen damit nicht nur Wände, sondern auch ihre Körper bemalt haben dürften. Auch Pyrit konnte in Grotten nachgewiesen werden, da das Mineral als Feuerstein Verwendung fand. Die Materialien Ocker und Pyrit könnten sich also in steinzeitlichen Höhlen begegnet sein; in der Installation Fool’s Gold treffen sie durch die allesumfassende Farbe Ockergelb und den Titel aufeinander. Sie sind aus drei Gründen fruchtbar für die Analyse des Werks. Erstens kommen beide Materialien auf dem ganzen Planeten häufig vor und werden schon seit Urzeiten von den Menschen genutzt, was auf die Universalität und Zeitlosigkeit der Installation verweist. Ihre Eigenschaften als Pigmente sind zweitens gegensätzlich – Ocker ist beständig, Pyrit nicht, was auf die spannungsvollen Beziehungen zwischen verschiedenen parallelen Zeiten in Fool’s Gold hindeutet: Die Skelette versetzen uns in eine tiefe Vergangenheit, während die verschiedenen Alltagsobjekte dieses häuslich eingerichteten Paars einen Bezug zur heutigen Lebenswelt schaffen und die Nummer 22 des Shirts gar auf das aktuelle Jahr anspielt. Es entsteht der Eindruck, dass Lemme eine Zeitkapsel ist. Nur ist unklar, wann diese aufgenommen wurde: 2022, in den 1980er-Jahren, Ende des 19. Jahrhunderts oder vor 70’000 Jahren? Drittens stehen beide Materialien für Räume der Imagination und der Illusion, mit denen wir es auch in dieser Ausstellung zu tun haben.

Skelette, Alltagsobjekte, Bilder
Wenn man sich Lemme nähert, drängt sich zuallererst auf, dass die ausgestellten Skelette, Alltagsobjekte und Wandarbeiten alle mit derselben ockergelben Stofflichkeit übertüncht sind. Dadurch stellt sich der Eindruck ein, dass sie alle derselben alternativen Realität entspringen. Die weiche Qualität des Cords und seine Rippen sind wie dafür gemacht, den Skeletten eine Lebendigkeit zu geben. Beim Kissen und bei den zwei Wandarbeiten werden die Eigenheiten des Cords dafür genutzt, Bilder zu generieren. Diese Bilder werden von einem kulturellen Archiv gespiesen und verquicken kunsthistorische Bezüge mit universellen Symbolen und popkulturellen Motiven.

Die Malerei ist sowohl in den individuellen künstlerischen Praktiken Gagliardis und Cruces’ als auch in der Kollaboration COUPLE zentral. Deshalb wundert es nicht, dass sich in Fool’s Gold verschiedene Referenzen auf die Kunstgeschichte der Malerei finden. Die Installation als Ganzes kann als Stillleben gelesen werden: Die Schädel der Skelette, der Apfel im Kippbild, der Früchtekorb und die verschiedenen Frühstücksgegenstände (eine Tasse, eine Milchpackung, ein Butterbrot mit Messer, wenn man denn will auch der Aschenbecher mit Zigarette) gehören zu den vielfach verwendeten Motiven dieses Genres.

Während die Rippen des Cords «gekippt» werden, um Bilder herzustellen, kippt die Wahrnehmung des Kissenbildes zwischen einem Apfel und zwei Gesichtern – den Profilen Gagliardis und Cruces’ – hin und her. Derartige Kippfiguren waren Ende des 19. Jahrhunderts sehr populär. Die Kippfigur auf dem Kissen ist denn auch eine Variation eines bekannten Bilds aus dieser Zeit, das bis heute zum Standardrepertoire gehört, um Wahrnehmungsphänomene zu illustrieren. COUPLE haben die Rubinsche Vase durch einen Apfel ersetzt. Der Apfel ist ein altes Symbol für Fruchtbarkeit, Sexualität und Versuchung und spielt als Frucht des Lebens, die zum Sündenfall und zur Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies führt, auch eine Rolle in der westlichen Kunstgeschichte. Die Kippfigur auf dem Kissen kann also nicht nur als Variation eines bekannten Bildtypus, sondern auch als zeitgenössische Interpretation des Adam und Eva-Komplexes gelesen werden. Denn dieser Apple erinnert an den Technologieriesen mit selbigem Namen. Die zwei Umrisse treten des Weiteren unweigerlich in einen Dialog mit den Skeletten. In welcher Art und Weise sind sie miteinander verbunden? Sind die Umrisse die Skelette?

Eine der Wandarbeiten nimmt mit dem Fenstermotiv ein seit der Renaissance beliebtes Thema der Malerei auf. Traditionellerweise öffnet das Fenster in einem imaginären Bildraum ein Abbild der Welt. Seit der Moderne wurde dieses Thema selbstverständlich zahllose Male variiert und hinterfragt. COUPLE nutzen nun die besonderen Blickbeziehungen, welche Lemme generiert, um einen doppelten Fensterblick herzustellen, der jedoch ins Leere läuft: Wir, die Besucher:innen, blicken durch ein Fenster auf das Skelett, welches wiederum durch ein Fenster schaut. Doch was die Figur sieht, können wir nicht erkennen – denn wir gehören nicht derselben Welt aus Cord an. Vielleicht liefert das Filmplakat von Stanley Kubricks Horrorfilm The Shining (1980), welches auf der zweiten Wandarbeit zu sehen ist, einen Schlüssel? Der Film spielt im historischen Overlook-Hotel in den Bergen von Colorado, um das sich Jack Torrance (Jack Nicholson) in der Zwischensaison mit seiner Familie kümmert. Sein Sohn Danny hat the shining: die Gabe, Übersinnliches wahrzunehmen, was in diesem Fall vor allem Grusliges meint. Den Bezug zu diesem Film sieht COUPLE in der klaustrophobischen Enge des Raums und den umgebenden Bergen. Das Overlook-Hotel ist ein Ort, der gleichzeitig Horror (für die Hausmeister:innen in der Wintersaison) und das Paradiesische (für die Sommergäste) versinnbildlicht. Vorlage für den Film war ein Hotel, das um 1900 als Sanatorium in Colorado gebaut wurde, als ehemalige Höhenklinik aber genauso gut im Wallis stehen könnte. So entsteht eine imaginäre Verbindungslinie zwischen dem Skelett-Paar in Lemme und den verschiedenen temporären Bewohner:innen des Hotels in Colorado. Ob die Skelette den Ausblick in eine paradiesische Landschaft geniessen oder dem Horror in die Augen blicken, bleibt verborgen.